Voorrede

Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir selbst uns selbst: das hat seinen guten
Grund. Wir haben nie nach uns gesucht, – wie sollte es geschehn, dass wir eines Tags
uns fänden? Mit Recht hat man gesagt: »wo euer Schatz ist, da ist auch euer
Herz«; unser Schatz ist, wo die Bienenkörbe unsrer Erkenntniss stehn. Wir sind immer
dazu unterwegs, als geborne Flügelthiere und Honigsammler des Geistes, wir kümmern
uns von Herzen eigentlich nur um Eins – Etwas »heimzubringen«. Was das Leben sonst,
die sogenannten »Erlebnisse« angeht, – wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? Oder
Zeit genug? Bei solchen Sachen waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«: wir
haben eben unser Herz nicht dort – und nicht einmal unser Ohr! Vielmehr wie ein
Göttlich-Zerstreuter und In-sich-Versenkter, dem die Glocke eben mit aller Macht ihre
zwölf Schläge des Mittags in’s Ohr gedröhnt hat, mit einem Male aufwacht und sich fragt
»was hat es da eigentlich geschlagen?« so reiben auch wir uns mitunter hinterdrein die
Ohren und fragen, ganz erstaunt, ganz betreten »was haben wir da eigentlich erlebt? mehr
noch: wer sind wir eigentlich?« und zählen nach, hinterdrein, wie gesagt, alle die
zitternden zwölf Glockenschläge unsres Erlebnisses, unsres Lebens, unsres Seins – ach!
und verzählen uns dabei… Wir bleiben uns eben nothwendig fremd, wir verstehn uns
nicht, wir müssen uns verwechseln, für uns heisst der Satz in alle Ewigkeit »Jeder ist sich
selbst der Fernste«, – für uns sind wir keine »Erkennenden«…

Zur Genealogie der Moral, Friedrich Wilhelm Nietzsche

Scroll to Top